Das kann ich mir nicht vorstellen.
- Der Vater
- 20. Sept. 2024
- 2 Min. Lesezeit

Es gibt Sätze, die in ihrer Einfachheit eine gewisse Grösse erreichen, wie zum Beispiel: "Ich liebe dich" oder "Ein Bier, bitte". Doch keiner dieser Sätze besitzt die sublime Kraft von „Das kann ich mir nicht vorstellen.“ Diese Worte, ausgesprochen mit der Entschlossenheit eines Schuljungen, der behauptet, die Hausaufgaben wären von einem Hund gefressen worden, zeugen von einer tiefen Abneigung gegenüber dem Unbekannten, dem Unbequemen, und – ich wage es zu sagen – dem allzu Menschlichen.
Man stelle sich vor, Einstein hätte sich geweigert, sich die Krümmung von Raum und Zeit vorzustellen, mit der lapidaren Begründung: „Das kann ich mir nicht vorstellen.“ Oder Newton, der unter einem Baum sitzt, eine faule Frucht direkt über seinem Kopf, der plötzlich ausruft: „Das kann ich mir nicht vorstellen!“ Und so ruht er, zufrieden in seiner Ignoranz, während die restliche Welt auf eine Erklärung für die Schwerkraft wartet.
Es scheint, dass dieser Satz besonders beliebt ist, wenn es darum geht, dem Gespräch eine Richtung zu geben, die dem Sprechenden angenehmer ist – vorzugsweise in eine Richtung, die mit einem Ragusa und einer Tasse Tee endet. Der Satz ist eine bequeme Exit-Strategie, die Tür zu einem Raum voller unbequemer Gedanken, durch die wir uns nicht hindurch quetschen wollen.
„Das kann ich mir nicht vorstellen“ ist der Phrasenspiegel des stillen, inneren Protestes gegen die Tyrannei der Vorstellungskraft. Es ist, als würde man sagen: „Mein Geist ist ein Haus, und dieses Haus ist voll. Kein Platz mehr für fremde, ungewohnte Ideen!“
Doch was für eine Welt wäre es, wenn wir alle unsere Vorstellungskraft an der Garderobe der Vernunft abgeben würden? Wahrscheinlich eine Welt voller kopfschüttelnder Menschen, die stundenlang auf leere Leinwände starren, weil sie sich nicht vorstellen können, was sie malen sollen. Eine Welt, in der jeder, der versucht, etwas Neues zu denken, sofort zurückgepfiffen wird mit dem entwaffnenden „Das kann ich mir nicht vorstellen.“
In Wahrheit ist die Vorstellungskraft das einzige Werkzeug, das uns aus den Banalitäten des Alltags befreit. Es ist das, was uns erlaubt, über den Tellerrand zu schauen – und, noch wichtiger, diesen Tellerrand überhaupt erst zu sehen. Ohne sie wären wir gefangen in einer Schleife aus immer gleichen Erfahrungen, in einem Universum aus Bodenfliesen und Neonröhren.
Also, beim nächsten Mal, wenn Ihnen jemand „Das kann ich mir nicht vorstellen“ sagt, lächeln Sie freundlich und sagen Sie: „Das ist der beste Anfang, um es zu versuchen.“ Vielleicht, nur vielleicht, lassen Sie sie auf diese Weise erkennen, dass die Vorstellungskraft kein Luxus ist, sondern eine Notwendigkeit, um sich die Welt wirklich vorzustellen – und sie dabei ein wenig grösser, ein wenig heller und viel interessanter zu machen.



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