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Ihr Stift – Ihr Schwert – Reflektionen zu "Werk ohne Autor"

  • Der Vater
  • 25. Mai 2024
  • 2 Min. Lesezeit

Ein blaues Minuszeiche und ein rotes Pluszeichen

Vor kurzem habe ich den Film "Werk ohne Autor" gesehen, und eine Szene hat sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Der Satz „Ihr Stift – Ihr Schwert“ liess mich nicht los. Er bezieht sich auf die Krankenmorde während der Zeit des Nationalsozialismus, als Ärzte mit einem blauen Minuszeichen oder einem roten Pluszeichen auf den Krankenblättern über Leben und Tod entschieden. Der erste Teil des Films löste in mir ein selten empfundenes Unbehagen aus.


Diese Szenen waren so intensiv, dass ich mich unweigerlich an ein Buch erinnert fühlte, das ich vor einiger Zeit gelesen hatte: „Bürokratie“ von David Graeber. Auch beim Lesen dieses Buches hatte ich ähnliche Gefühle. Graeber beschreibt, wie Bürokratie vieles ermöglicht, aber auch, wie sie Menschen in ein Netz von Regeln und Prozeduren verstrickt, das jede menschliche Wärme erstickt. Im Film wie im Buch wurde mir klar, dass die Bürokratie, selbst wenn sie Gutes will, in ihrer kühlen Effizienz grausame Konsequenzen haben kann.


Die Szene im Film, in der der Arzt das Krankenblatt mit einem Zeichen versieht, ist ein erschütterndes Beispiel dafür, wie Menschen durch bürokratische Prozesse entmenschlicht werden können. Ein Stiftstrich entscheidet über Leben und Tod – das ist die absolute Macht der Bürokratie. In diesem Moment fühlte ich eine tiefe Beklemmung. Die sterile, bürokratische Sprache und die kalten Prozeduren verwandelten das Unfassbare in eine nüchterne Routine.


Während ich den Film schaute, überkamen mich Gedanken über die „Utopie der Regeln“, wie Graeber es nennt. Er beschreibt eine Welt, in der alles durch Regeln und Prozeduren geregelt wird, eine Welt, in der die Menschlichkeit oft verloren geht. Diese Utopie der Regeln, die auf den ersten Blick Ordnung und Gerechtigkeit verspricht, kann in ihrer extremsten Form zu einem totalitären Alptraum werden. Es ist beängstigend zu sehen, wie leicht Menschen sich hinter der Fassade der Bürokratie verstecken können, um grauenhafte Taten zu rechtfertigen.


Ich erinnere mich daran, wie ich mich beim Lesen von Graebers Buch fühlte: eine Mischung aus Frustration und Verzweiflung. Die Bürokratie, die als Werkzeug der Rationalität und Effizienz geschaffen wurde, hat die Fähigkeit, alles zu ersticken, was sie an Menschlichkeit berühren sollte. Genau diese Gefühle wurden durch den Film "Werk ohne Autor" wieder in mir wachgerufen. Es ist ein beunruhigendes Gefühl, zu erkennen, dass der Versuch, alles auf der materiellen Ebene zu regeln, uns letztlich in ein Labyrinth von Vorschriften und Formularen führt, aus dem es kein Entrinnen gibt.


„Ihr Stift – Ihr Schwert“ – diese Worte sind ein Mahnmal für die dunkle Seite der Bürokratie. Sie erinnern uns daran, dass hinter jedem bürokratischen Akt ein menschliches Schicksal steht. Es ist leicht, das zu vergessen, wenn man sich in der Welt der Akten und Anträge verliert. Doch wir dürfen nicht zulassen, dass die Kälte der Bürokratie unsere Menschlichkeit erstickt. Die Geschichte und die Kunst, wie in „Werk ohne Autor“, sind wichtige Erinnerungen daran, dass wir wachsam bleiben müssen. Wir müssen sicherstellen, dass unsere Regeln und Systeme den Menschen dienen und nicht umgekehrt.


Dieser Film hat mich tief bewegt und mir erneut die Augen geöffnet für die Gefahren, die in einer übermässigen Bürokratisierung unserer Gesellschaft lauern. Er hat mich dazu gebracht, über die Macht des Stifts und die Verantwortung, die damit einhergeht, nachzudenken.

 
 
 

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