Lieber Begünstigter, Sie sind auserwählt!
- Der Vater
- 26. Juni 2025
- 1 Min. Lesezeit

Ich hatte einen Traum.
Ich sass in einem goldenen Sessel, umgeben von Palmen und Pastellfarben.
Eine Stimme flüsterte: "Lieber Begünstigter…" – und ich wusste sofort: Jetzt wird es ernst.
Denn wer wäre ich, dass ich mich einem solch höflich formulierten Schicksal widersetzte?
„Lieber Begünstigter“ – das ist mehr als ein Name, das ist ein Lebensgefühl.
Da schwingen Vertrauen, Nähe und mildes Mitleid mit. Als wäre ich der letzte noch lebende Onkel einer bankrotten Königsdynastie, der zufällig auch noch ein Onlineformular ausfüllen kann.
Und dann: "Sie haben 3 Millionen gewonnen."
Drei. Millionen. Wahrscheinlich, weil ich so oft meine Zustimmung zu Cookies gegeben habe. Oder weil ich mich als einziger aufrichtig über die neuen AGBs der Schweizer Post gefreut habe. Vielleicht war es aber auch einfach meine Aura. Oder der Algorithmus hatte Mitleid.
Natürlich – und das ist wichtig – endet das Angebot heute.
Nicht morgen, nicht übermorgen. Heute. Denn Glück kennt keine Geduld.
Wer sein Schicksal auf morgen verschiebt, hat den Kapitalismus nicht verstanden.
Heute ist die Deadline des Schicksals. Der letzte Tag des Sonderpreises für Vertrauen.
Man könnte sagen, dass all dies ein Schwindel sei. Aber wäre das nicht zynisch?
Ich antworte also: "Liebe Universalerbin von irgendwas in Benin, ich danke für Ihre Mail. Drei Millionen sind ein Anfang. Ich hätte allerdings lieber Naturalien. Gibt es das Ganze auch als Mandelbärchen?"
Denn am Ende – und das weiss jedes seriöse Spam-Management-Büro – ist das wahre Kapital nicht das Geld, sondern der Mensch, der auf „Jetzt öffnen“ klickt.
Und der bin nun einmal ich: Der Vater. Ein würdiger Begünstigter. Heute.



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